Pressemitteilung

Perfekt für den Herrn 

Vor 60 Jahren baute die Kirche Jesu Christi in Zollikofen BE ihren ersten Tempel in Europa. Mormonen in der Schweiz über ihren Glauben und ein Leben mit vielen Regeln.

Ein goldener Engel blickt über den Tempel nördlich von Bern. Er verkündet eine Botschaft aus dem fernen Amerika: Gott habe einen Plan für jeden, der an ihn glaubt.

60 Jahre alt wird der Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, der Mormonen, in diesem Monat. Er war der erste europäische Tempel der christlichen Religionsgemeinschaft aus Salt Lake City im US Bundesstaat Utah, die heute 15,3 Millionen Mitglieder hat. Damit gibt es weltweit mehr Mormonen als Juden.

Rund 9000 Schweizer in 36 Gemeinden folgen der Kirche. Sie glauben an Jesus und die Bibel, zusätzlich aber an ihre eigenen Heiligen Schriften und Propheten. Leicht ist das nicht. Wer Mormone sein will, lebt mit vielen Regeln – nur dann darf er den Tempel betreten. Dieser gilt als heiliger Ort, um Gott nahe zu sein. Mormonen sind nicht perfekt, aber sie arbeiten hart daran, dem nahezukommen.

Der pensionierte Schreiner Bruno (81) und die frühere Schneiderin Ruth Diethelm (78) aus Zürich sind seit 1960 dabei, vorher waren sie in der reformierten Kirche. Eigentlich war ich ganz gegen Kirche», sagt Bruno Diethelm, «der Sport war meine Religion.» In seiner Jugend war er begeisterter Velosportler, fünffacher Schweizer Meister im Mannschaftsrennen.

Missionare aus den USA klingelten eines Tages an ihrer Tür. Vier Monate später waren sie Mitglieder. Bruno Diethelm: «Uns gefällt die Nähe und Wärme in unserer Gemeinde und dass wir alle ehrenamtlich etwas beitragen.» Mit seiner Frau unterrichtete er in seiner Freizeit zehn Jahre lang junge Mitglieder in den Kirchenlehren, 1500 Stunden lang baute er am Gemeindehaus mit.

«Mir bedeuten Freundschaften und Liebe viel, die ich in der Gemeinde spüre», sagt Ruth Diethelm. «Wir helfen einander. Wenn eine junge Mutter überlastet ist, besuchen wir sie. Wenn eine Familie umzieht, packen andere mit an.»

Mormonen verstehen sich als Christen, und zwar als diejenigen, die den Lehren Jesu am nächsten sind und ihre Kirche nach seinem Vorbild organisiert haben. Die traditionellen Kirchen sehen das wenig überraschend gegenteilig.

In vielen theologischen Fragen unterscheidet sich das Mormonentum. Es kennt das Konzept der Erbsünde nicht, jeder ist für seine eigenen Verfehlungen verantwortlich. Das Jenseits stellt es sich reich aufgefächert vor: je besser in diesem Leben, desto näher bei Gott im nächsten. Entsprechend sind Mormonen die Hochleistungssportler unter den Gläubigen – immer bestrebt, noch besser zu werden.

Jarom (36) und Dorothea Radzik (38) aus Zürich, seit 15 Jahren verheiratet, wuchsen in Elternhäusern auf, die sich schon den Mormonen angeschlossen hatten. Der Sekunehrendarlehrer und die promovierte Psychologin entschlossen sich als junge

Erwachsene, in der Kirche zu bleiben. Dorothea Radzik: «Der Glaube ist für mich eine Herzensangelegenheit.» Jarom Radzik: «Es war die bewusste Entscheidung für eine Lebensweise, die uns eine verstärkte Aussicht auf Gott bietet. Nicht nur als Idee oder Konzept, sondern auch als persönliches Gegenüber.»

Nicht nur eine Religion, sondern auch ein Lebensstil

Mormonen leben eine Spiritualität, die auf Gemeinschaft und absichtlichen Verzicht baut, um Gott näherzukommen. Kein Alkohol, kein Kaffee oder Tee, keine Zigaretten, wenige Fleischgerichte. Fasten an jedem ersten Sonntag – das für die Mahlzeiten gesparte Geld geht an Arme. Kein Sex vor der Ehe, keine Gewaltfilme und keine Pornografie, dafür mehrere Ehrenämter, tägliches Beten und Schriftstudium. Zehn Prozent des Einkommens spendet jedes Mitglied der Kirche. Das ist Fokus und Enge zugleich, je nach persönlicher Perspektive.

«Als Sportler fiel mir diese Disziplin leicht», sagt Bruno Diethelm. Ruth gesteht: «Das

gelegentliche Glas Rotwein aufzugeben, fand ich schwer. Ich habe italienische Wurzeln und geniesse gern.» Für Jarom Radzik ist das Fasten die Herausforderung: «Wenn ich hungrig bin, bekomme ich schlechte Laune.»

Ehe und Familie sind zentral bei Mormonen und für die Ewigkeit gedacht, auch wenn es natürlich Scheidungen gibt. «Mit Dorothea, meiner grossen Liebe, zusammen zu sein, kommt für mich der Vorstellung von Himmel am nächsten», sagt Jarom Radzik. Seine Frau: «Kinder sind nicht unser Besitz, wir tragen vielmehr Verantwortung für ihr Gedeihen.»

Mit Sohn Solon (4) und den Töchtern FayLiv (6), Onida (9) und Amelie (11) gehen die Radziks deshalb jeden Sonntagmorgen zur Abendmahlversammlung in ihre lokale

Gemeinde, die auch Besuchern offen steht. Einen Pfarrer gibt es nicht, Gemeindemitglieder halten wechselnd Ansprachen. Dazwischen gibt es Lieder und eben das Abendmahl – mit Wasser statt Wein. Für Erwachsene kommen zwei einstündige Weiterbildungen zu Glaubensfragen hinzu, zum Beispiel biblische Hilfen für den Alltag. Die Mitglieder unterrichten sich gegenseitig in der Gemeinde und bei monatlichen Hausbesuchen. Das schult die Rhetorik und verbindet untereinander.

 

«Unsere Kinder sollen später selbst entscheiden», sagen die Radziks. «Uns ist wichtig, dass sie glücklich werden.» Sie beten aber mit ihnen und widmen, wie alle Mitglieder der Kirche, jeden Montagabend der Familie: gemeinsame Zeit zum Reden und Spielen, der Fernseher bleibt ausgeschaltet. Die Taufe ist frühestens mit acht Jahren möglich, erste Ämter übernehmen Kinder mit zwölf Jahren. Buben im «Aaronischen Priestertum», Mädchen bei den «Jungen Damen». Die Geschlechterrollen sind früh traditionell aufgeteilt.

Stellvertretende Taufen für verstorbene Vorfahren

Das 17 000 Quadratmeter grosse Tempelgrundstück in Zollikofen BE wählte die Kirche mit Gebeten und Fasten aus. «Wir fühlten uns sicher, dass wir an der Stelle waren, an der sich der Herr seinen ersten Tempel in Europa wünschte», so die damalige Kirchenleitung. Viele Entscheidungen aus Salt Lake City kommen «von Gott», zu diskutieren sind sie dadurch kaum noch.

Der Besuch des Tempels ist für heilige Zeremonien gedacht: die ewige Verbindung von Ehepartnern und Familien («Siegelung»), ein Ritual für den ersten Tempelbesuch

(«Endowment») oder die stellvertretende Taufe von Vorfahren, die nicht in der Kirche waren.

Man will ihren Seelen damit anbieten, doch noch zu Gott zu kommen. Dazu unterhält die Kirche weltweit Institute zur Ahnenforschung. Sie ist kostenlos und offen auch für NichtMitglieder.

Seit 1837 schickt die Kirche ihre Missionare in die Welt hinaus. Zwei Jahre erzählen die von ihrem Glauben und verschenken das «Buch Mormon». Auch das unbezahlt und auf eigene Kosten. In welches Land sie reisen sollen, entscheidet die Kirche im Gebet. Sechs Wochen haben dann die – meistens junge Männer – Zeit, ihren Auftrag und die eventuell nötige Fremdsprache zu lernen. Aber auch das Bügeln ihrer Hemden. Julian Timm (20) aus Hamburg und Drake Marley (20) aus Las Vegas sind – stets zu zweit – in der Schweiz unterwegs wie einst die Jünger Jesu. Namensschilder weisen sie als «Elder» (engl. Älterer) aus – christliche Respektstitel. «Es war eine schwierige Entscheidung», sagt Elder Marley. «Ich musste mein Hobby Kraftsport, Familie, Freunde und meine Freundin zurücklassen. Einen Tag vor der Abreise bekam ich von Gott die Bestätigung, das Richtige zu tun.» Elder Timm: «Ich hatte den Wunsch, geistig zu wachsen, meine Beziehung zu Gott zu stärken und das Wichtigste in meinem Leben mit jedem zu teilen.»

Das Leben der Missionare ist per Handbuch vorgeschrieben

Sieben Tage pro Woche sind sie unterwegs. Ein 82seitiges  Handbuch regelt jedes Detail bis zur angemessenen Kleidung und Frisur. Der Arbeitstag: Um 6.30 Uhr aufstehen, beten, 30 Minuten Sport, zwei Stunden Schriftstudium; tagsüber Gespräche mit möglichen Interessenten an Türen, auf der Strasse; 22.30 Uhr ins Bett. Die Missionare sind immer zusammen, schlafen auch in einem Raum.

Das «Buch Mormon», Grundlage der Religion, ist laut Kirchengründer Joseph Smith eine Übersetzung uralter Goldplatten, die er 1827 im US Staat New York von einem Engel namens Moroni erhielt. Es beschreibt Völker in Amerika, die kein Wissenschaftler nachweisen konnte, und den Besuch Jesu bei ihnen nach seiner Auferstehung. Die Platten forderte der Engel später zurück, ein vergoldetes Abbild glänzt heute auf jeder Tempelspitze.

«Fragt Gott, den Ewigen Vater, im Namen Christi, ob es wahr ist», rät das Buch. «Wenn ihr mit aufrichtigem Herzen, mit wirklichem Vorsatz fragt und Glauben an Christus habt, wird er euch durch die Macht des Heiligen Geistes kundtun, dass es wahr ist.» (Moroni 10:4.)

Erstaunlich offen diskutiert die Kirche auf ihrer Webseite Widersprüche ihrer Geschichte, Streitthemen wie Homosexualität und veröffentlichte kürzlich ein Foto des «Sehersteins». Mit einem Blick durch ihn soll Smith die goldenen Platten mit ägyptischen Schriftzeichen übersetzt haben. Das Bild zeigt einen schwarzbraun

geäderten Kiesel von der Grösse eines Hühnereis.

Mit dem Verstand ist das nicht zu erfassen – und damit erlaubt die Kirche einen Blick auf das Prinzip von Religion: Wahr ist am Ende, was jemand zu glauben bereit ist.

Das Taufbecken im Tempel Zollikofen im Jahr 1955. Nur bevor er geweiht wird, darf die Öffentlichkeit in einen Tempel hineinschauen.

Gründervater der Mormonen: Der US Farmerssohn Joseph Smith.

Er berief sich auf Visionen, in denen er von Gott den Auftrag, Vollmachten und Heilige Schriften erhalten haben will. Mit 39 Jahren wurde er von Gegnern ermordet.

 

1822

Der damals 14jährige Joseph Smith hat seine erste Vision: Das Christentum sei verfälscht, er solle es wiederherstellen.

1830

Kirchengründung und erste Ausgabe des «Buch Mormon», laut Smith eine Übersetzung uralter Schriftplatten aus Gold.

1837

Die junge Kirche schickt ihren ersten Missionar nach Europa. Heute sind weltweit

85 000 im Einsatz, meist 19 bis 21 Jährige.

1847

In den USA findet die Kirche nach jahrelanger Vertreibung eine Heimat in der Wüste und gründet Salt Lake City (Utah).

1890

Die Mormonen schaffen die umstrittene Polygamie ab. Sie war in Kriegszeiten unter US Mitgliedern kurz üblich.

«ICH HABE DAS GEFÜHL, DASS GOTT MICH FÜHRT»

Julian Timm (20) «Meine Familie ist seit vier Generationen in der Kirche. Ich habe das Gefühl, zu jeder Zeit von Gott geführt zu werden. Viele Erlebnisse bestätigen mir das. Zwei Jahre bin ich als Missionar unterwegs – ehrenamtlich. Damit möchte ich meine Beziehung zu Gott stärken und mit anderen teilen. Danach will ich Pilot werden.»

Die Missionare Julian Timm (20, links) und Drake Marley (20) vor dem Tempel in Zollikofen BE.

«DIE LIEBE VERBINDET UNS»

Dorothea Radzik (38)  «Der Glaube erweitert unser Leben um die Dimension der Ewigkeit: dass wir von Gott kommen und zu ihm zurückkehren können. Das gilt für uns als ganze Familie. Wir sehen, wie die Liebe uns schon jetzt miteinander verbindet, und hoffen, dass sie uns auch die Grenze zwischen diesem Leben und dem nächsten durchbrechen lässt. Dafür leben wir unseren Glauben gemeinsam mit den Kindern. Wir freuen uns auf die Ewigkeit.»

Dorothea (38) und Jarom Radzik (36) mit ihren Kindern Amelie (11), Onida (9), FayLiv (6) und Solon (4).

«WIR FÜHLEN UNS GEBORGEN»

Bruno Diethelm (81)  «Ich bin, wie meine Frau, in der reformierten Kirche aufgewachsen. Doch sie erschien uns kalt und unpersönlich. 1960 sprachen uns Missionare an. Vier Monate später wurden wir Mitglieder der Kirche Jesu Christi, obwohl wir vorher nie von ihr gehört hatten. Wir fühlen  uns geborgen und schätzen die oft lebenslangen Freundschaften. Früher war der Sport meine Religion, hier habe ich Jesus neu für mich kennengelernt.»

Ruth (78) und Bruno Diethelm (81) sind seit 58 Jahren verheiratet, haben 3 Kinder, 7 Enkel, 3 Urenkel.

Prominente Diese Stars sind Mormonen

TV Star Katherine Heigl (36, «Grey’s Anatomy») wuchs mit der Religion auf.

Schauspieler Aaron Eckhart (47, «The Dark Knight») war als Missionar in der Schweiz.

BestsellerAutorin Stephenie Meyer (41, «Twilight»Serie) ist aktiv in der Kirche.

Hinweis an Journalisten:Bitte verwenden Sie bei der Berichterstattung über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bei deren ersten Nennung den vollständigen Namen der Kirche. Weitere Informationen hierzu im Bereich Name der Kirche.